Bild: Barbara Rittner und WTB-Präsident Ulrich Lange haben gestern auf der Anlage des TC Bildechingen die Spiele verfolgt. Bild: Ulmer

Barbara Rittner, Head of Women‘s Tennis, spricht über einen möglichen Tennis-Boom, über die Krise von der ehemaligen AHG-Cup-Finalistin Carina Witthöft und über das heutige Duell zweier Nachwuchshoffnungen des Deutschen Tennis-Bundes.

25.07.2018 von Sascha Eggebrecht

SÜDWEST PRESSE: Frau Rittner, gerade ist die erste Runde des Fed-Cups ausgelost
worden. Es geht wieder gegen Weißrussland. Sind Sie zufrieden
mit dem Los?

Barbara Rittner: Was heißt zufrieden? Es gibt in der Weltgruppe 1 keine leichten Gegner. Positiv ist aber, dass wir nach den Australien Open ein Heimspiel haben werden und nicht schon wieder irgendwo hinfliegen müssen.

Vor drei Jahren haben Sie im Interview mit der SÜDWEST PRESSE schon einen möglichen Grand-Slam-Sieg von Angelique Kerber vorhergesagt. Sehen Sie in Zukunft weitere Siege der deutschen Spielerinnen bei den vier größten Turnieren?

Angelique Kerber und Julia Görges spielen derzeit immer vorne mit und haben jederzeit die Chance, ein Grand-Slam-Sieg zu holen. Dahinter sehe ich aber im Moment keine Spielerin, die es ganz nach oben schaffen kann.

Ist es aber nicht enttäuschend, dass nur 2,3 Millionen Zuschauer das Wimbledon-Finale Live im ZDF verfolgten? Zeitgleich sahen aber fast zehn Millionen Menschen das
Fußball-WM-Spiel um Platz drei ohne deutsche Beteiligung…

Ihre Zahlen stimmen so nicht ganz. In der Spitze haben 3,5 Millionen Zuschauer das Spiel von Kerber gegen Williams verfolgt. Der Fußball hatte 8,3 Millionen. Das ZDF hatte einen Marktanteil von zwölf Prozent. Daher ist dieser Wert als Erfolg zu werten. Zudem haben vor zwei Jahren bei Sky nur 280000 Menschen das Damen-Endspiel zwischen Kerber und Williams verfolgt.

Ist da ein Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter den Bürgern nicht widersprüchlich? Bei rund 6,3 Millionen Menschen soll das Interesse am Tennissport durch den Triumph von Kerber gestiegen sein.
Wie kann der DTB das neu gewonnene Interesse der Deutschen nun für sich nutzen?

Wissen Sie, das ist nicht meine Aufgabe. Da müssen Sie andere Leute beim DTB fragen.

Glauben Sie an einen neuen
Tennis-Boom?

Nein, den wird es nicht geben. Man merkt aber schon, dass der Sport wieder mehr wahrgenommen wird. Der Wimbledon-Sieg kam in den Tagesthemen als erste Meldung. Dennoch gibt es heute zu viele Fun-Sportarten für die Handy-Generation.

Kommen wir auf Ihre Rolle als Head of Women‘s Tennis zu sprechen. Nach 13 Jahren als Teamchefin der deutschen Fed-Cup-Mannschaft saßen Sie vor Monaten nicht mehr auf der Bank, sondern in Ihrer neuen Funktion als Head of Women’s Tennis in der Box. Wie sind Sie mit dieser neuen Rolle zurechtgekommen?

Es war schon ein komisches Gefühl. Nach den Matches musste viel mit dem neuen Bundestrainer Jens Gerlach besprochen werden. Es war aber mein Wunsch, in eine andere Rolle zu gehen.

Hat sich der neue Teamchef Jens Gerlach auch einige Ratschläge von Ihnen geholt?

Natürlich. Er hat ja auch mein ganzes Betreuerteam übernommen. Ohne dieses Team wäre er aufgeschmissen gewesen, da einige Spielerinnen schon etliche Jahre mit dem selben Stab zusammenarbeiten. Jens hatte nun sein Probejahr. Nun muss er im zweiten Jahr seinen Weg finden.

Die Fed-Cup-Spielerinnen Kerber und Görges prägen derzeit das deutsche Tennis. Sie sind nun aber auch schon im Herbst ihrer Karrieren. Welche jungen Talente können in die
Fußstapfen der beiden
Norddeutschen treten?

Wie ich vorhin schon gesagt habe, fehlen uns die Top-Ten-Spieler dahinter, obwohl wird derzeit eine gute Generation haben. Denn Spielerinnen wie Andrea Petkovic oder Sabine Lisicki haben auch das Zeug für die Topplätze in der Weltrangliste. Andere Spielerinnen hatten große Probleme. Carina Witthöft ist gerade etwas von ihrem Weg abgekommen. Annika Beck hört vielleicht auf und hat sich schon in der Uni eingeschrieben. Anna-Lena Friedsam hat auch ein großes Potenzial, musste sich aber schon zum zweiten Mal an der Schulter operieren lassen. Ähnlich sieht es bei Antonia Lottner aus, die ebenfalls viel verletzt war. Alle Spieler, die dahinter sind, brauchen noch Zeit.

Sie haben Carina Witthöft angesprochen, die auch schon im Finale des AHG-Cups stand. Bei ihr läuft es in diesem Jahr überhaupt nicht .
Von 18 Erstrundenspielen hat sie
14 verloren. Sie haben gesagt, sie sei etwas vom Weg abgekommen.
Was heißt das konkret?

Sie wohnt in Hamburg, fühlt sich dort wohl und will nicht aus ihrer Komfortzone raus. Zudem sieht sie gerade das Studentenleben ihrer Schwester und ist nicht bereit, Opfer zu bringen. Sie hätte sicherlich das Potenzial, eine Top-20-Spielerin zu werden. Ich finde es sehr schade, weil ich ein großer Fan von ihr bin und nicht an sie herankomme, weil sie verschlossen und trotzig ist.

Das Los wollte es so. In der ersten Hauptrunde des AHG-Cups spielen Katharina Hobgarski und Lena Rüffer heute gleich gegeneinander.
Freut Sie so ein Los?

Nein. Es ist für alle eine blöde Situation. Eigentlich sollen beide Spielpraxis bei so einem 25000-US-Dollar-Turnier sammeln und dann müssen sie in der ersten Runde gegeneinander antreten. Da freut sich wirklich niemand.

Wer ist heute ab 17.30 Uhr
in der Favoritenrolle?

Wenn alles normal läuft, dann schon Hobgarski. Sollte Rüffer aber einen guten Tag erwischen, wird es ein enges Match geben.

Bis zu den ganz großen Preisgeldern ist es ein langer Weg. Die ATP hat nun reagiert und verspricht größere Teilnehmerfelder, weitreichende Hospitality und eine verbesserte medizinische Versorgung für die Spieler auf der zweiten Ebene (Challenger-Turniere) des professionellen Herren-Tennis. Wird es auf der WTA-Tour auch Veränderungen geben, so dass die Spielerinnen in der zweiten Reihe bessere Verhältnisse haben?

Ja, es wird schon sehr viel gemacht und die Situation hat sich auch schon verbessert. Die Preisgelder steigen bei den kleineren Turnieren weiter an. Ich denke, die Entwicklung ist auf einem guten Weg.